Aufschlussreiche Blicke ins Innere der Tafelbilder

Von den rund 40 erhaltenen Gemälden Bruegels sind zwölf in Wien im Bestand des Kunsthistorischen Museums zu finden. Zwölf Tafelbilder, die nun in einem langjährigen Forschungsprojekt mithilfe von modernsten Technologien analysiert werden konnten. Erstmals wurden systematisch Material, Schaffensprozess, Maltechnik und die Veränderung der Werke in den letzten Jahrhunderten untersucht. Und dabei kamen spannende Erkenntnisse zutage.

So wie viele seiner Zeitgenossen malte Bruegel seine Tafelbilder auf Holz.

In unserem Forschungsprojekt haben wir dendrochronologische Untersuchungen vorgenommen. Dabei handelt es sich um eine Methode zur Bestimmung der Datierung und Herkunft der Bretter. Das Alter des Holzes wird hierbei anhand der Jahresringe ermittelt.

Wie nicht anders zu erwarten, wählte Bruegel das Material für seine Bilder sehr gezielt aus. Durch die Untersuchungen konnten wir herausfinden, dass das Holz aus dem Baltikum kam, aus Gebieten im heutigen Polen und Russland.

Es war ein gutes Material. Denn aus den langsam und regelmäßig wachsenden baltischen Eichen konnten besonders stabile und lange Bretter gewonnen werden.

Der früheste gemessene Jahresring stammt aus dem Jahr 1201! Dieses Holz wurde für den „Turmbau zu Babel“ verwendet.

Das Holz für „Die Heimkehr der Herde“, „Bauernhochzeit“ und „Der Vogeldieb“ war hingegen jünger. Hier stammt der jüngste gemessene Jahresring von 1546. Spannend ist auch, dass der Zeitabstand vom letzten Jahresring bis zur Datierung des Gemäldes mindestens 13 Jahre beträgt.

Bretter vom selben Baum wurden nur innerhalb der Gemälde gefunden. Manchmal hat Bruegel für ein Bild auch Bretter von unterschiedlichen Bäumen ausgewählt.

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Pieter Bruegel d. Ä.
Der Vogeldieb
1568 // Signiert und datiert unten links (in Goldfarbe): „BRVEGEL M.D.LXVIII“ // Eichenholz, 59,5 × 68,3 cm // Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. 1020

Heute undenkbar, früher aber durchaus gängig war das „Zurechtschneiden“ von Kunstwerken.

Bruegels Meisterwerke mussten das im Lauf der letzten Jahrhunderte über sich ergehen lassen. Von den zwölf Tafelbildern ist nur eines heute noch in seiner Originalgröße erhalten: „Die Kreuztragung“. Alle anderen Werke wurden beschnitten – manche mehr, manche weniger.

Beim „Turmbau zu Babel“ ist im ausgerahmten Zustand sogar mit freiem Auge zu erkennen, dass die Tafel am rechten und oberen Rand abgesägt wurde.

Der Turm „durchstieß“ den oberen Rand nicht in dem Ausmaß, wie es heute erscheint. Die unfertige rechte Turmhälfte und der große Schatten, den der Turm nach rechts wirft, kommen hier stärker zur Wirkung.

Das Format wurde stark verändert

Bei anderen Werken ist die Formatveränderung von außen schwer zu erkennen. Hier helfen die modernen Technologien und Röntgenaufnahmen, die uns ins Innere der Tafelbilder blicken lassen. Darin erkennen wir unter anderem Dübel. Sie geben Aufschluss über das ursprüngliche Format.

So ist beim „Vogeldieb“ nun klar: Das Format wurde stark verändert und mit ihm der Bildeindruck.

Der Vogeldieb steht heute mehr in der Mitte. Die Bildkomposition wirkt dadurch wohl stabiler. Die Landschaft hat aber sehr an Gewichtung verloren.

Jedenfalls wurde die bewusst gewählte Komposition Bruegels radikal verändert.

Wenn man diese aus heutiger Sicht „mutwilligen“ Veränderungen erkennt, außerdem Gefahren wie Brand, Krieg und sonstige äußere Einwirkungen bedenkt, so scheint es fast wie ein Wunder, dass all die Werke Bruegels über so viele Jahrhunderte mehr oder weniger unbeschadet überlebt haben. Von seine „Tüchlein“ sind allerdings nur vier erhalten. Ursprünglich bildeten die mit Leimfarben auf Leinwand gemalten Tüchlein aber einen wesentlichen Teil von Bruegels Werk.

Vermeintliche Stabilisierungen

Aber auch Konservierungsmaßnahmen wurden, nach bestem Wissen und Gewissen, durchgeführt. Für sogenannte „Stabilisierungen“ erfolgten ab dem 19. Jahrhundert Parkettierungen von acht Gemälden des Bruegel-Bestandes. Dabei wurden die Tafeln rückseitig abgehobelt und oft empfindlich gedünnt. Dann wurden Leisten aufgeleimt. Dies diente vermeintlich der Stabilisierung sich wölbender oder fragilisierter Tafeln.

Das Verdünnen führte aber natürlich oft zu größeren Problemen.

Wieder ist es nur „Die Kreuztragung Christi“, die hiervon unbeschadet blieb und auch in ursprünglicher Stärke erhalten ist. Das Werk ist daher aufschlussreich für die Rekonstruktion der originalen Konstruktionsweise.

Aus diesem Grund wird es auch in der Ausstellung rundum zu sehen sein.

Waren die Bretter sorgsam ausgewählt und mit Dübeln verbunden, das Format adjustiert und das Werk soweit durchdacht, so machte Bruegel sich an die Grundierung.

Die Grundierung besteht aus Kreide, gebunden in tierischem Leim, die in mehreren Schichten aufgetragen und zu einer glatten Oberfläche geschliffen wird. Das war Teil der niederländischen Maltradition.

Der helle Malgrund ist wichtig für Bruegels Maltechnik. Denn durch den hellen Untergrund wird das durch die Farbe dringende Licht reflektiert. Die Farben erscheinen leuchtend. Die räumliche Tiefe wird suggeriert.

Aber warum ist das so aufschlussreich?

Ein wesentlicher Bereich der Forschungen war die Analyse der Unterzeichnung durch die schonenden Verfahren Infrarotfotografie und Infrarotreflektografie.

Aber warum ist das so aufschlussreich? Durch die Art der Unterzeichnung und die Erkenntnis, ob Bruegel sich selbst daran hielt oder viele Änderungen machte, können wir auf seinen Schaffungsprozess rückschließen.

In seinen frühen Werken bereitete Bruegel vor allem die minitaturhaften Details ganz genau vor. Dies sieht man zum Beispiel am „Kampf zwischen Fasching und Fasten“.

Wir erkennen feine Linien, die kleinste Elemente wie Finger oder aufgespießte Würste schon vorgeben. Und auch bei der malerischen Ausführung hat Bruegel sich dann ganz genau an diese Vorzeichnung gehalten.

Die Bühne – die Häuser rundum – hat Bruegel jedoch wesentlich freier gemalt. Auch hier gibt es Unterzeichnungen, die aber schlussendlich verändert wurden.

Es scheint, als hätte Bruegel zunächst recht frei den Schauplatz wie eine Bühne gestaltet und diesen dann mit den winzigen Details bespielt.

Anders passierte das bei den „Kinderspielen“ – obwohl sie nur ein Jahr nach „Kampf zwischen Fasching und Fasten“ entstanden. Bruegel zeichnete hier viel weniger Details vor.

Einen Bruch in der Handhabung der Unterzeichnung erkennen wir dann 1563 in der Darstellung „Turmbau zu Babel“. Bruegel geht hier sehr offen mit seinen eigenen Vorgaben um. Er nimmt während des Malens viele Veränderungen vor.

Warum ziehen uns Bruegels Landschaften derart ins Innere des Bildes? Wie schafft Pieter Bruegel d. Ä. diese unbeschreibliche Tiefe?

Die Darstellung von tiefen Landschaften kann man nicht mit strengen Perspektivberechnungen konstruieren. Dafür braucht es andere Mittel.

Bruegel beginnt, auch dies ganz nach niederländischer Tradition, die Landschaft in mehreren Ebenen von hinten aufzubauen. Hintere Elemente werden durch vordere überdeckt. Dies lässt sich gut an den dargestellten Bäumen erkennen: Hintere Äste, die Bruegel zuerst malt, werden durch vordere überdeckt. Besonders eindrücklich sieht man das an diesem Detail aus dem Bild „Der düstere Tag“: Durch Hinzufügen, Drüberlegen oder „Einflechten“ von Ästen wird Raumillusion geschaffen.

Bruegels Farbwelten

Auch der Einsatz fein abgestufter Farbtöne unterstützt die räumliche Darstellung. Bruegel wählte für seine Bilder unterschiedliche Farbpaletten. In „Kampf zwischen Fasching und Fasten“ zum Beispiel wurde relativ viel Schwarz verwendet. Die „Kinderspiele“ sind mit hellen, warm leuchtenden Farbtönen ausgeführt. Und die winterliche Atmosphäre der „Jäger im Schnee“ lebt von den warmen und zugleich frostigen Blautönen.

Woraus bestanden die Farben? Die verwendeten Pigmente sind für Bruegels Zeit und Region typisch: Die Ergebnisse der Röntgenfluoreszenzanalyse zeigten Erdpigmente für rote und gelbe Ockertöne und Umbra, Bleizinngelb, Zinnober, Beinschwarz, Pflanzenschwarz und natürlich Bleiweiß. Grün wurde häufig durch Mischung von Azurit und Bleizinngelb erzeugt.

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